Seit einigen Monaten bekomme ich in Praxen fast jede Woche dieselbe Frage gestellt: “Was müssen wir tun, damit ChatGPT uns empfiehlt?” Dahinter steckt eine echte Verunsicherung, und inzwischen eine ganze Angebotswelle, die GEO als neue Disziplin verkauft. Ich halte das für den falschen Reflex. GEO ist ein reales Thema mit seriosem Forschungsursprung, aber kein Hebel und kein Trick. Was in generativen Suchsystemen sichtbar wird, ist im Kern das, was auch vorher schon gute Kommunikation war: belegte, klar geschriebene, eigenständige Inhalte. Dieser Artikel trennt, was belegt ist, von dem, was gerade behauptet wird.
Woher der Begriff GEO kommt und was im Paper wirklich gewirkt hat
Generative Engine Optimization ist kein Agentur-Buzzword, auch wenn es inzwischen wie eines benutzt wird. Der Begriff stammt aus einer frei zugänglichen wissenschaftlichen Arbeit von Pranjal Aggarwal und Kolleginnen und Kollegen (unter anderem Princeton University), 2023 als Preprint veröffentlicht und 2024 auf der ACM-SIGKDD-Konferenz angenommen. Sie testet auf rund 10.000 Nutzeranfragen, welche Textänderungen dazu führen, dass ein Text in der Antwort einer generativen Suchmaschine prominenter auftaucht. Das Abstract nennt bis zu 40 Prozent mehr Sichtbarkeit.
Interessanter als die Schlagzahl ist die Rangfolge der Maßnahmen. Die größten relativen Verbesserungen erzielten: Zitate hinzufügen rund 41 Prozent, Statistiken rund 33 Prozent, Quellen belegen rund 30 Prozent, sprachliche Klarheit rund 27 Prozent. Die Liste enthält keinen einzigen Trick, es sind die Dinge, die man von einem guten Fachtext ohnehin erwartet. Der Gegenbefund ist noch deutlicher: Keyword Stuffing, also das Vollstopfen eines Textes mit Suchbegriffen, brachte keine Verbesserung (“little to no improvement”).
In der Health-Domäne war offenbar besonders die sprachliche Klarheit wirksam. Ich stufe das als Richtungshinweis ein, nicht als harte Zahl, weil ich die Teilwerte und ihre statistische Signifikanz nicht geprüft habe. Es passt aber zu dem, was ich in Praxen erlebe: Verständlichkeit ist dort ohnehin die größte Baustelle.
Was Google selbst dazu sagt, und warum das die GEO-Branche stört
Die interessanteste Quelle ist ausgerechnet Google. In der offiziellen Dokumentation zur Optimierung für generative KI-Funktionen räumt Google mit fast der gesamten GEO-Trickkiste auf. Der Kernsatz: Die Optimierung für generative KI-Suche sei nichts anderes als die Optimierung für die Sucherfahrung, “and thus still SEO”. Konkret dementiert Google dort mehrere populäre Verkaufsargumente:
| Behauptung aus der GEO-Beratung | Was Google dazu schreibt |
|---|---|
| Es braucht ein spezielles Schema-Markup für KI | ”Structured data isn’t required for generative AI search” und “There’s no special schema.org markup you need to add.” |
| Eine llms.txt-Datei macht die Seite KI-lesbar | ”You don’t need to create new machine readable files, AI text files, markup, or Markdown to appear in Google Search” und “Google Search ignores them.” |
| Inhalte müssen in kleine Chunks zerlegt werden | ”There’s no requirement to break your content into tiny pieces for AI to better understand it.” |
In der Dokumentation zu den KI-Funktionen nennt Google genau eine harte Bedingung für eine Nennung in AI Overviews oder im AI Mode: Die Seite muss indexiert und mit einem Snippet ausspielbar sein. Zusätzliche Anforderungen oder spezielle Optimierungen gebe es nicht.
Das ist eine Herstellerangabe, aber eine, die gegen das Marketinginteresse der GEO-Branche spricht, und genau das macht sie belastbar. Inhaltlich empfiehlt Google etwas Unspektakuläres: eine eigenständige Perspektive statt Recycling.
Der Fehler, der Praxen tatsächlich aus der KI-Suche wirft
Ein technischer Punkt ist wichtiger als jede Optimierungsidee und wird regelmäßig übersehen. Google beschreibt, wie sich die Darstellung eigener Inhalte in KI-Funktionen begrenzen lässt: über nosnippet, data-nosnippet, max-snippet oder noindex. Wer nosnippet gesetzt oder max-snippet zu eng konfiguriert hat, schließt die eigene Praxis also aktiv aus AI Overviews aus. Solche Einstellungen stammen oft aus alten Datenschutz-Diskussionen oder aus einer Migration und sind seit Jahren niemandem aufgefallen. Die Praxis fragt sich, warum sie in der KI-Suche nicht vorkommt, und die Antwort steht in ihrem eigenen Quelltext.
Wie viel KI-Suche es in Deutschland wirklich schon gibt
Viele der kursierenden Zahlen halten einer Prüfung nicht stand. Belastbar sind für Deutschland vor allem zwei repräsentative Bitkom-Befragungen aus dem Herbst 2025.
Nach der Erhebung Internet-Suche im Wandel (1.156 Befragte ab 16 Jahren) nutzen 50 Prozent der Internetnutzerinnen und Internetnutzer zumindest manchmal KI-Chats statt einer Suchmaschine, bei den 16- bis 29-Jährigen rund zwei Drittel. Gleichzeitig, und das wird in Agenturtexten gern weggelassen, nutzen 47 Prozent weiterhin ausschließlich die klassische Suche.
Für den Gesundheitsbereich ist die zweite Erhebung relevanter. Nach der Bitkom-Studie Digital Health 2025 (1.145 Befragte ab 16 Jahren) haben 45 Prozent der Menschen in Deutschland KI-Chatbots genutzt, um Symptome zu klären oder Gesundheitsfragen zu stellen. 16 Prozent haben bereits eine ärztliche Empfehlung nicht befolgt und stattdessen dem Chatbot vertraut. Die Kehrseite: 42 Prozent der Nutzenden haben von KI-Chats bereits falsche oder erfundene Informationen erhalten, aber nur 57 Prozent überprüfen die Antworten.
Das ist für mich das eigentliche Argument für GEO, und es ist kein Marketingargument. Wenn Menschen medizinische Fragen an Systeme stellen, die nachweislich Falsches ausgeben, und die Antworten mehrheitlich nicht prüfen, dann ist es im Interesse der Patientensicherheit, dass fachlich verantwortete Inhalte dort verfügbar sind. Nicht damit die Praxis gefunden wird, sondern damit die Antwort stimmt.
Der Zero-Click-Effekt: belegt, aber nicht für Deutschland
Der zweite große Baustein der GEO-Erzählung ist, dass KI-Antworten die Klicks wegnehmen. Das ist belegt, allerdings ausschließlich für die USA.
Das Pew Research Center hat dafür tatsächliches Verhalten gemessen statt Selbstauskünfte erhoben: 68.879 Google-Suchen von 900 US-amerikanischen Erwachsenen im März 2025. Mit KI-Zusammenfassung klickten nur 8 Prozent auf ein klassisches Suchergebnis, ohne 15 Prozent. Rand Fishkin kommt bei SparkToro auf Basis des Similarweb-Panels darauf, dass von Januar bis April 2026 in den USA 68,01 Prozent der Google-Suchen ohne Klick endeten. Er legt die Schwäche seiner Zeitreihe selbst offen: Die Jahreswerte stammen aus unterschiedlichen Datenquellen.
Für Deutschland gibt es nach meiner Recherche keine Clickstream-Daten. Wer den Zero-Click-Effekt auf den deutschen Markt überträgt, macht eine Plausibilitätsannahme, keine Aussage mit Beleg. Dasselbe gilt für die Gartner-Prognose vom Februar 2024, das Suchmaschinenvolumen sinke bis 2026 um 25 Prozent. Das Search Engine Journal hielt schon damals dagegen, unter anderem, weil die Prognose Gartners eigener Erhebung widerspreche: Nur 8 Prozent der Kundinnen und Kunden hatten im letzten Servicekontakt überhaupt einen Chatbot genutzt. In Agenturtexten wird die Prognose bis heute als aktuelle Nachricht recycelt.
Warum niemand seriös Sichtbarkeit in KI-Systemen zusagen kann
Wer Ihnen KI-Sichtbarkeit garantiert, sollte die Ahrefs-Daten ansehen. In einer am 2. März 2026 veröffentlichten Auswertung von rund 863.000 Keyword-SERPs und vier Millionen AI-Overview-URLs (einen Erhebungszeitraum nennt Ahrefs nicht) erscheinen nur noch 37,9 Prozent der zitierten URLs auch in den ersten zehn Suchergebnissen. In einer Ahrefs-Auswertung vom Juli 2025 waren es noch rund 76 Prozent. Die Erklärung der Autoren: Google löst eine Anfrage zunehmend in Unterfragen auf, das sogenannte Query Fan-Out, und stützt sich auf die Quellen aus diesen Unterfragen statt auf die direkten Suchergebnisse. Ein Top-10-Ranking ist damit weder Voraussetzung noch Garantie für eine KI-Nennung.
In dieselbe Richtung zeigt eine zweite Ahrefs-Analyse der 1.000 von ChatGPT im September 2025 am häufigsten zitierten Seiten: 28,3 Prozent davon haben keinerlei organische Sichtbarkeit bei Google. Autorität hilft, ist aber keine Bedingung. Beide Studien stammen von einem Toolanbieter mit wirtschaftlichem Interesse an der Aufregung, die er misst, immerhin ist die Methodik offengelegt.
Wenn sich die Überschneidung mit den Top 10 zwischen diesen beiden Auswertungen von 76 auf 38 Prozent halbiert, ist das für mich das stärkste Argument gegen jedes Versprechen: Systeme, die sich in diesem Tempo verändern, lassen sich nicht zusagen. Vorsicht gilt auch bei den Reichweitenzahlen der Anbieter. OpenAI gab im Februar 2026 an, ChatGPT erreiche 900 Millionen wöchentlich aktive Nutzende. Das ist eine Eigenangabe ohne unabhängige Prüfung, und Reichweite ist nicht Nutzung.
Was eine Praxis konkret tun kann
Aus allem, was belegt ist, ergibt sich eine kurze, unspektakuläre Liste. Sie deckt sich weitgehend mit dem, was wir in der Praxiskommunikation ohnehin empfehlen.
- Technische Grundlagen prüfen. Indexierbarkeit, Snippet-Freigabe, Textinhalte statt Bild-PDFs. Googles einzige harte Bedingung, ohne sie ist alles andere sinnlos.
- Eigenständigkeit statt Recycling. Wie behandeln wir konkret, mit welchem Gerät, in welchem Ablauf, mit welchen Grenzen? Das kann niemand abschreiben.
- Belegen. Hier misst das GEO-Paper die größten Effekte: Zitate, Statistiken, Quellenangaben. In der Medizin ohnehin Pflicht, nicht Kür.
- Verständlich schreiben. Fachbegriffe erklären, kurze Sätze, klare Gliederung.
- Grenzen nennen. Wofür ist die Praxis nicht zuständig, wann gehört jemand in die Notaufnahme? Fachlich geboten, und es macht einen Text zitierfähiger.
- Lokale Grundlagen nicht vernachlässigen. Wer bei der lokalen Suche unsichtbar ist, wird es in KI-Antworten kaum besser haben.
Fazit: GEO ist der Beweis, dass Substanz gewinnt
Wo Ihre Praxis technisch und inhaltlich steht, zeigt der kostenlose GEO-Check, daneben gibt es weitere Praxis-Tools. Zum Einordnen der Ergebnisse sprechen Sie uns an.
Häufige Fragen
Ist GEO wirklich etwas anderes als SEO?
Google selbst sagt Nein: Die Optimierung für generative KI-Suche sei die Optimierung für die Sucherfahrung und damit weiterhin SEO. Wissenschaftlich gibt es GEO seit 2023 als eigenes Forschungsfeld, die gemessenen Maßnahmen unterscheiden sich aber nur in der Gewichtung. Ein separates GEO-Paket ist deshalb meist keine eigene Leistung. Details in unserem Beitrag zur Suchmaschinenoptimierung für Aerzte.
Brauche ich eine llms.txt-Datei, damit KI-Systeme meine Praxisseite lesen?
Für die Google-Suche nachweislich nicht. Google schreibt, man brauche keine neuen maschinenlesbaren Dateien, und ergänzt, dass Google Search solche Dateien ignoriert. Zu ChatGPT oder Perplexity liegen mir keine belastbaren Daten vor. Wer Ihnen llms.txt als Pflicht verkauft, hat dafür keinen Beleg von Google.
Verliere ich durch AI Overviews meinen Website-Traffic?
Belegt ist das nur für die USA, wo Pew Research Center und SparkToro einen deutlichen Klickrückgang gemessen haben (Zahlen oben im Text). Für Deutschland gibt es keine vergleichbaren Clickstream-Daten. Eine Übertragung ist plausibel, aber nicht belegt.
Kann eine Agentur mir eine Nennung in ChatGPT oder AI Overviews garantieren?
Nein, und ich halte solche Zusagen für unseriös. Google nennt als einzige Bedingung, dass eine Seite indexiert und mit Snippet ausspielbar sein muss. Wie schnell sich die Systeme ändern, zeigen die oben zitierten Ahrefs-Auswertungen. In dieser Dynamik kann niemand ein Ergebnis zusagen.
Womit fange ich in meiner Praxis am sinnvollsten an?
Mit der Bestandsaufnahme, nicht mit der Optimierung. Prüfen Sie, ob Ihre Seiten indexiert sind, ob nosnippet oder ein zu enges max-snippet die Vorschau blockiert und ob Ihre wichtigsten Inhalte als Text vorliegen. Danach kommt die inhaltliche Frage: Steht auf Ihrer Seite etwas, das nicht auf hundert anderen Seiten genauso steht? Unser GEO-Check deckt den technischen Teil ab, Grundlagen zur Website finden Sie unter Webdesign für Aerzte.