Seit Google Suchergebnisse nicht mehr nur auflistet, sondern in KI-Übersichten zusammenfasst, wächst die Kritik: zu ungenau, zu selbstsicher, zu oft aus zweifelhaften Quellen zusammengerührt. Bei Rezepten ist das ärgerlich, bei Gesundheitsthemen etwas anderes. Ich schaue mir an, was an der Kritik belegt ist, was übertrieben wird, und was das für eine Praxis-Website bedeutet. Vorweg: Die Antwort ist nicht, jetzt noch mehr KI-Text zu produzieren.
Womit die Debatte begonnen hat, und was sie wirklich hergibt
Der Anstoß war ein Kommentar von Christian Rentrop auf golem.de mit dem Titel, die Antwortmaschine werde zur Slop-Maschine. Der Text argumentiert, Googles KI-Antworten entzögen Millionen Websites die Geschäftsgrundlage und degradierten etablierte Quellen wie Wikipedia zur Fußnote (Zusammenfassung bei AGEV). Wichtig für die Einordnung: Das ist ein Meinungsbeitrag, keine Studie, ohne eigene Zahlen und ohne Originalquellen. Als Stimmungsbild interessant, als Faktenbeleg untauglich. Wer die Debatte ernst nehmen will, muss woanders hinschauen.
Der Begriff, um den sich alles dreht, heißt “AI Slop”: maschinell erzeugter Füllstoff, der plausibel klingt, inhaltlich aber dünn oder falsch ist. Das Problem ist nicht der schlechte Text an sich, sondern dass er als Quelle für den nächsten dient. So entstehen zirkuläre Belegketten, in denen eine Behauptung nur deshalb glaubwürdig wirkt, weil sie oft genug abgeschrieben wurde.
Der belegte Schaden: Googles KI-Übersichten und Gesundheitsinformationen
Am 2. Januar 2026 veröffentlichte der Guardian eine Recherche zu Googles AI Overviews bei Gesundheitsfragen. Das Ergebnis: Die KI-Übersichten geben irreführende Gesundheitsinformationen aus, die Menschen nach Einschätzung von Fachleuten einem Schadensrisiko aussetzen. Dokumentiert über Slashdot, im OECD AI Incidents Monitor als realisierter Schaden erfasst, nicht nur als Gefährdung.
Die Beispiele sind konkret. Google riet Menschen mit Bauchspeicheldrüsenkrebs, fettreiche Lebensmittel zu meiden. Anna Jewell von Pancreatic Cancer UK nannte das laut der Berichterstattung “completely incorrect”: Wer dem folge, nehme zu wenig Kalorien auf und sei womöglich zu geschwächt für eine Chemotherapie. Die Krebsorganisation The Eve Appeal stellte fest, dass sich Zusammenfassungen änderten, obwohl dieselbe Suche erneut ausgeführt wurde.
Besonders lehrreich für die Praxiskommunikation: Bei der Suche nach dem Normbereich für Leberblutwerte lieferten die KI-Übersichten Zahlenwerte ohne Alter oder Geschlecht, die beeinflussen, was ein normaler Wert überhaupt ist. Die Zahl war nicht erfunden, es fehlte die Bedingung, unter der sie gilt. Genau dieser Fehlermodus ist auch von Praxis-Inhalten bekannt.
Google entgegnete, die große Mehrheit der AI Overviews sei faktisch korrekt und die Genauigkeit liege “on par with featured snippets”. Euronews Next berichtete am 12. Januar 2026 unter Berufung auf den Guardian, Google habe die KI-Übersichten für bestimmte Gesundheitsfragen offenbar entfernt. Bestätigt hat Google das nicht. Vollständig war die Bereinigung dem Bericht zufolge ohnehin nicht: Leicht abgewandelte Suchbegriffe wie “lft reference range” lösten weiterhin dieselben Zusammenfassungen aus. Ausgeblendet wurde also die Suchanfrage, nicht der Fehler dahinter. Darauf, dass eine gemeldete Falschdarstellung dauerhaft weg ist, können Sie sich demnach nicht verlassen.
Wie aus einer richtigen Zahl eine falsche Aussage wird
Ahrefs hat 146.122.391 Desktop-Suchergebnisseiten aus dem September 2025 ausgewertet (Analyse von Ryan Law und Xibeijia Guan, 10. November 2025). Ein Befund: 44,1 Prozent der medizinischen Suchanfragen lösen eine KI-Übersicht aus, gegenüber 20,5 Prozent über alle Keywords hinweg. Medizin ist damit die YMYL-Unterkategorie mit der höchsten Auslöse-Quote, vor Sicherheit (31,0 Prozent), Recht (23,6 Prozent) und Finanzen (22,9 Prozent). Der Spitzenwert über alle Kategorien ist das nicht: Begründungsfragen liegen bei 59,8 Prozent.
Entscheidend ist, was diese Zahl misst: ausschließlich das Auslösen einer KI-Antwort, nicht deren Richtigkeit. Genau hier rutscht die Debatte regelmäßig ab, weil eine Auslöse-Häufigkeit als Fehlerquote weitergereicht wird.
Ähnliches passiert mit dem Begriff Halluzinationsrate. Im AA-Omniscience-Benchmark von Artificial Analysis erreicht Gemini 3 Pro laut the-decoder (19. November 2025) 53 Prozent Genauigkeit bei 88 Prozent Halluzinationsrate. Klingt katastrophal, bedeutet aber nicht, dass 88 Prozent aller Antworten falsch sind: Die Rate misst den Anteil erfundener Antworten unter den fehlerhaften Versuchen, also Selbstüberschätzung statt Unwissen.
Warum das für Ihre Praxis relevant ist, auch ohne eigene Zahl
Hier muss ich ehrlich sein: Es gibt keine mir auffindbare Studie dazu, wie häufig deutsche Arztpraxen in KI-Antworten falsch dargestellt werden. Diese Lücke fülle ich nicht mit einer geschätzten Zahl. Der Zusammenhang lässt sich aber aus belegten Bausteinen herleiten.
Erstens die Nutzung. Laut Bitkom (20. November 2025, repräsentative Befragung von 1.145 Personen ab 16 Jahren) haben 45 Prozent der Menschen in Deutschland bereits einen KI-Chatbot zu Symptomen befragt, 55 Prozent der Nutzenden vertrauen den Antworten.
Zweitens der Punkt, der die Sache aus der Kommunikationsecke herausholt: 16 Prozent haben laut derselben Erhebung bereits eine ärztliche Empfehlung ignoriert und stattdessen dem Chatbot vertraut. Damit ist die Kette von der KI-Aussage zum Behandlungsverhalten geschlossen. Bitkom-Vizepräsidentin Christina Raab formuliert die Konsequenz so:
Die Menschen müssen nachvollziehen können, wie die KI zu ihren Empfehlungen kommt, um sie verantwortungsvoll einzusetzen.
Drittens die Zusammenfassungsmechanik. KI-Übersichten zitieren nicht, sie verdichten. Ihr sauber formulierter Absatz mit allen Einschränkungen kann verkürzt und ohne Einschränkungen wieder auftauchen, mit Ihrer Praxis als Quelle. Nicht aus Böswilligkeit, sondern weil Verdichtung genau das tut: Sie entfernt Kontext.
Der Rechtsrahmen: Wer haftet für eine falsche KI-Antwort?
Diese Frage ist seit 2026 nicht mehr rein theoretisch. Das Landgericht München I hat am 28. Mai 2026 entschieden (Az. 26 O 869/26), dass Google für Falschaussagen in AI Overviews haftet; zwei Verlagsunternehmen waren dort mit Betrugsmaschen in Verbindung gebracht worden. Analysen gibt es von der Kanzlei Plutte und von WBS.LEGAL.
Rechtlich zentral ist die Einordnung: Das Gericht nahm Täterhaftung als unmittelbarer Störer an, nicht die privilegierte mittelbare Störerhaftung. Die KI-Übersicht sei keine bloße Fremdinformation, sondern eine eigene Aussage Googles. Der Kernsatz lautet nach der Darstellung von WBS.LEGAL: “Die KI extrahiert eben nicht nur Zitate, sondern kreiert einen neuen, zusammenhängenden Text.” Googles Argument, Nutzerinnen und Nutzer müssten generierte Informationen selbst prüfen, wies das Gericht zurück. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.
Wer daraus eine pauschale Google-Haftung ableitet, geht zu weit. Das Landgericht Berlin II lehnte am 1. Juni 2026 eine Haftung ab; dort ging es um Markenrecht, und das Gericht sah keine markenmäßige Benutzung. Die Kanzlei mueller.legal stellt beide Entscheidungen gegenüber. Die Haftung hängt also stark vom Rechtsgebiet ab.
Was Praxen tatsächlich tun können, und was nicht funktioniert
Beginnen wir mit dem, was Sie sich sparen können. Google Search Central schreibt in der offiziellen Dokumentation zu KI-Funktionen: “There are no additional requirements to appear in AI Overviews or AI Mode, nor other special optimizations necessary.” Und: “There’s also no special schema.org structured data that you need to add.”
Damit ist jedes Angebot erledigt, das Ihnen ein Spezial-Markup oder ein Geheimrezept für KI-Sichtbarkeit verkaufen will. Es gibt kein KI-Schema. Es gibt eindeutige, belegte Inhalte, und die zahlen ohnehin auf die Suchmaschinenoptimierung für Ärztinnen und Ärzte ein. Was wirkt, ist unspektakulär:
| Maßnahme | Warum sie hilft |
|---|---|
| Bedingungen mitschreiben | Ein Zahlenwert ohne Kontext wird beim Verdichten zur absoluten Aussage. Schreiben Sie hin, für wen und wann etwas gilt. |
| Kernaussage vor Ausschmückung | Was am Anfang eines Abschnitts steht, überlebt die Zusammenfassung eher als der Nachsatz. |
| Quellen und Stand nennen | Leitlinie, Datum, Fachgesellschaft. Das macht Ihre Seite zur Referenz statt zum Rohmaterial. |
| Grenzen benennen | ”Diese Information ersetzt kein Diagnosegespräch” ist der Satz, der in verkürzten Wiedergaben am dringendsten fehlt. |
| Eindeutige Leistungsbeschreibungen | Was Sie behandeln und was nicht, gehört ausgeschrieben. Vages lädt zur falschen Verdichtung ein. |
| Konsistente Angaben über alle Kanäle | Widersprüche zwischen Website, Profilen und Verzeichnissen sind eine Einladung an jede Zusammenfassungsmaschine. Dazu der Beitrag zu Local SEO für die Arztpraxis. |
An technischer Steuerung nennt Google die robots.txt-Direktiven für den Googlebot, die Preview-Controls nosnippet, data-nosnippet, max-snippet und noindex sowie den Crawler Google-Extended für Trainingszwecke. Wer Inhalte damit aussperrt, verliert allerdings Sichtbarkeit genau dort, wo Patientinnen und Patienten heute suchen. Und schnell geht es nicht: Nach Änderungen kann das erneute Crawling laut Google “anywhere from several days to several months” dauern.
Die Haltungsfrage: Nicht mehr KI-Content, sondern weniger und besser
Der naheliegende Reflex lautet: Wenn Maschinen die Antworten schreiben, muss ich eben mehr Material liefern, das sie aufgreifen können. Mehr Ratgebertexte, mehr FAQ-Seiten, schnell generiert.
Das ist der falsche Schluss, aus drei Gründen. Erstens sagt Google selbst, dass es keine Sonderoptimierung gibt. Menge ist kein Hebel. Zweitens verschärft massenhaft erzeugter Text genau das Problem: Wer Inhalte aus KI-Zusammenfassungen anderer KI-Zusammenfassungen ins Netz stellt, wird zum Teil der zirkulären Quellenkette und nicht zum Gegenmittel. Drittens haften Sie für Ihren eigenen Text. Das Münchner Urteil verschiebt die Verantwortung für die KI-Übersicht zu Google, nicht die für Ihre Website weg von Ihnen.
Der Wert einer Praxis-Website liegt in dem, was keine Maschine erzeugen kann: die fachliche Einschätzung, die konkrete Ausstattung, die reale Zuständigkeit, die klare Grenze. Ich erlebe regelmäßig Praxen mit fünfzig durchschnittlichen Seiten und keiner einzigen, die eine Frage wirklich beantwortet. Fünf präzise Seiten mit Quelle und Datum sind mehr wert als fünfzig, die klingen wie alle anderen.
Häufige Fragen
Muss ich meine Website speziell für KI-Antworten optimieren?
Nein. Google Search Central sagt ausdrücklich, dass es keine zusätzlichen Anforderungen und keine besonderen Optimierungen gibt, um in AI Overviews oder im AI Mode zu erscheinen. Weder Sonderdateien noch spezielles Schema.org-Markup. Angebote, die Ihnen genau das verkaufen wollen, sollten Sie kritisch prüfen.
Was mache ich, wenn eine KI-Antwort meine Praxis falsch darstellt?
Dokumentieren Sie zuerst: Suchanfrage, Datum, Screenshot, genannte Quelle. Wichtig, weil sich KI-Zusammenfassungen ändern können, ohne dass sich die Suchanfrage ändert. Prüfen Sie dann, ob die Aussage auf einer missverständlich formulierten eigenen Seite fußt. Bei rufschädigenden Falschaussagen gehört der Fall in anwaltliche Hände.
Löst wirklich fast jede zweite medizinische Suche eine KI-Antwort aus?
Laut der Ahrefs-Analyse lösen 44,1 Prozent der medizinischen Suchanfragen eine KI-Übersicht aus, gegenüber 20,5 Prozent über alle Keywords. Die Zahl sagt nur, dass eine KI-Antwort erscheint, nicht ob sie richtig ist. Wer sie als Fehlerquote weiterreicht, verwechselt zwei Aussagen.
Haftet meine Praxis, wenn eine KI falsche Gesundheitsaussagen unter Berufung auf meine Website macht?
Für Ihre eigenen Inhalte tragen Sie die Verantwortung, für die Zusammenfassung nach der Münchner Linie der Betreiber der KI. Pauschal lässt sich das aber nicht sagen: Das Landgericht Berlin II ist im Markenrecht zu einem anderen Ergebnis gekommen, und das Münchner Urteil ist nicht rechtskräftig. Stand Juli 2026 ist die Lage differenziert. Umso wichtiger ist, dass Ihre Aussagen belegt und mit ihren Bedingungen versehen sind.
Reicht es nicht, einfach mehr Inhalte zu veröffentlichen?
Nein. Menge ist kein Hebel, weil Google keine Sonderoptimierung vorsieht. Massenhaft erzeugter Text macht Sie eher zum Teil der zirkulären Quellenkette, die das Qualitätsproblem verursacht. Mehr dazu im Beitrag über KI-Content auf Arztwebsites. Wenn Sie unsicher sind, wo Ihre Website steht, sprechen Sie uns über die Anfrage an oder sehen Sie sich unsere Praxiskommunikation an.